Kompetenzzentrum Arbeitssicherheit

Mit einem neuen „Kompetenzzentrum für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz“ will der Südtiroler Bauernbund einen Schritt weitergehen, die Sicherheit der Mitglieder konsequent erhöhen und das Bewusstsein für Arbeitssicherheit weiter stärken.  von michael deltedesco

Im Vergleich zum Jahr 2019 ist die Zahl der Arbeitsunfälle in der Land- und Forstwirtschaft bis 2024 um knapp 14 Prozent bzw. von 1.806 auf 1.556 Unfälle gesunken – und das trotz herausfordernder Rahmenbedingungen wie steilen Wiesen, Wäldern, Zeitdruck, schwierigen Arbeitsbedingungen. Damit fällt der Rückgang deutlich stärker aus als in der Gesamtwirtschaft, wo die Zahl der Arbeitsunfälle im selben Zeitraum um knapp neun Prozent zurückging.

Verschiedene gesetzliche Vorgaben, sicherere Maschinen und Geräte sowie die zahlreichen Initiativen und Sensibilisierungsmaßnahmen der Stabsstelle „Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz“ im Südtiroler Bauernbund haben wesentlich zu dieser positiven Entwicklung beigetragen. Nun will man einen Schritt weitergehen und ein Kompetenzzentrum einrichten. Am 3. August wurde es im Rahmen einer Pressekonferenz am Hauptsitz des Südtiroler Bauernbundes in Bozen der  Öffentlichkeit vorgestellt.

„Der Trend der vergangenen Jahre zeigt, dass Präventionsarbeit wirkt“, erklärte Bauernbund-Landesobmann Daniel Gasser. „Darum wollen wir mit dem neuen ,Kompetenzzentrum für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz‘ die Arbeitssicherheit und den Gesundheitsschutz unserer Mitglieder noch stärker in den Mittelpunkt rücken und als selbstverständlichen Bestandteil des bäuerlichen Alltags verankern.“

 

Einzigartige Anlaufstelle

Das Kompetenzzentrum wird eine bislang einzigartige Anlaufstelle für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz in der Land- und Forstwirtschaft sein. Als zentrale Schnittstelle soll es bestehende Kompetenzen bündeln, Mitglieder gezielt unterstützen und die ­Zusammenarbeit mit allen relevanten Partnern im Bereich der Arbeitssicherheit stärken. Zugleich werden Informationen und Präventionsangebote aufbereitet. „Weiters ist geplant, bewährte Sensibilisierungsmaßnahmen und Weiterbildungsangebote weiterzuentwickeln sowie neue Projekte anzustoßen, um das Bewusstsein für Prävention weiter zu schärfen und Arbeitsunfälle sowie Berufskrankheiten nachhaltig zu vermeiden“, unterstrich Stephen Gallmetzer Kaufmann, der im Bauernbund für die Arbeitssicherheit in der Landwirtschaft zuständig ist. Auch fachliche Beiträge zu Richtlinien, Stellungnahmen und Projekten zählen zu den Aufgaben des neuen Kompetenzzentrums. Zudem wird es eine enge Zusammenarbeit mit Behörden, Versicherungen und Fachinstitutionen geben.

 

Drei Säulen der Prävention

Im Mittelpunkt stehen stets die bäuerlichen Familien und die landwirtschaftlichen Arbeitskräfte. „Ziel ist es, durch Kompetenz, Eigenverantwortung und eine gelebte Sicherheitskultur die Gesundheit zu schützen, Risiken zu minimieren und das Wohlbefinden auf den Betrieben nachhaltig zu fördern“, so Gallmetzer. Das Kompetenzzentrum setzt dabei auf drei zentrale Säulen der Prävention. „Erstens sollen sichere Maschinen und Anlagen, ergonomisch gestaltete Arbeitsplätze sowie persönliche Schutzausrüstung die Sicherheit am Arbeitsplatz erhöhen. Zweitens stehen sichere Arbeitsabläufe, klare Verantwortlichkeiten, Risikobewertungen und eine strukturierte Notfallplanung im Fokus. Drittens soll das Sicherheitsbewusstsein durch gezielte Kommunikation sowie Aus- und Weiterbildungsangebote nachhaltig gestärkt werden“, stellte Gallmetzer klar. Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz sollen künftig noch selbstverständlicher zum bäuerlichen Alltag gehören.

Eine wichtige Rolle übernimmt der neu geschaffene Beirat. Er setzt sich aus Vertreterinnen und Vertretern des Südtiroler Bauernbundes, der Bauernjugend, des Bäuerlichen Notstandsfonds sowie der Bauernbund-Weiterbildungsgenossenschaft zusammen und wird von Fachleuten aus dem In- und Ausland unterstützt. Seine Aufgabe ist es, das Kompetenzzentrum fachlich und strategisch zu begleiten und Impulse für dessen Weiterentwicklung zu geben.“

 

Sicherheitsvereinbarung macht Pilotprojekt möglich

Zusätzliche Unterstützung erhält das Vorhaben durch die ideelle Schirmherrschaft von Landeshauptmann Arno Kompatscher, Landesrätin Magdalena Amhof sowie Landesrat Luis Walcher. Für Landeshauptmann Arno Kompatscher sind Arbeitsunfälle nicht alleine mit immer neuen Gesetzen zu verhindern. Leider gebe es häufig viel Bürokratie und oft wenig Praxisbezug. „Wir brauchen eine Arbeitssicherheitskultur und Regeln, die mit Hausverstand gemacht werden und die Realität vor Ort berücksichtigen“, meinte er.

Ein Beispiel dafür sei die Arbeitssicherheitsvereinbarung für Südtirol, welche die Umsetzung dieses Pilotprojekts möglich mache. „Es ist uns gelungen, die römischen Beamten zu überzeugen, dass Südtirol eigene Regeln braucht. Das ist ein großer Erfolg.“ Zugleich dankte Kompatscher dem Südtiroler Bauernbund für das Kompetenzzentrum.

Für Landesrätin Magdalena Amhof sind Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz ein gemeinsamer Auftrag. Es brauche Investitionen in die Sicherheit, um das Risiko zu minimieren. Wichtig seien zudem branchenspezifische Normen.

Das Vorsichtsprinzip müsse bei der Arbeit an oberster Stelle stehen, unterstrich Landesrat Luis Walcher. „Der Südtiroler Bauernbund und die Südtiroler Bauernjugend sind schon lange in der Präventionsarbeit aktiv. Mit dem Kompetenzzentrum gehen sie nun einen wichtigen Schritt weiter“, unterstrich er.

Ein wichtiger Partner in Fragen der Arbeitssicherheit in der Landwirtschaft ist die Freie Universität Bozen. „Wichtig sind Technik, Organisation, Risikomanagement und Kommunikation“, fasste Rektor Alex Weissensteiner zusammen. Sie müssten Bestandteile einer nachhaltigen Sicherheitskultur sein.

Landesbäuerin Antonia Egger erinnerte an die Mehrfachbelastung in der Landwirtschaft und rief dazu auf, die Arbeit gut zu planen und sich mehr Zeit zu nehmen. Häufig passieren Unfälle unter Zeitdruck.

Der Landesobmann der Südtiroler Bauernjugend Raffael Peer zeigte sich überzeugt, dass junge Menschen für das Thema Arbeitssicherheit sensibel sind. Seit Jahrzehnten ist die Südtiroler Bauernjugend in der Präventionsarbeit aktiv, etwa mit Traktorgeschicklichkeitswettbewerben. Mithilfe von Virtual-Reality-Brillen wird vermittelt, wie sicheres Arbeiten funktioniert. Auch die Fachschulen seien für das Thema heute deutlich sensibler als früher, meinte Peer.

Der Obmann des Bäuerlichen Notstandsfonds, Sepp Dariz, erinnerte daran, dass jeder Unfall einer zu viel ist. Mit den Folgen habe der Notstandsfonds immer wieder zu tun. Daher unterstützt er das Kompetenzzentrum finanziell.

In Kürze nimmt das neue Kompetenzzentrum seine Arbeit auf. Es startet nicht bei null, sondern entwickelt die Arbeit der bisherigen Stabsstelle „Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz“ konsequent weiter, die dafür ausgebaut wird. Sie hat das Thema über viele Jahre fachlich geprägt und Maßnahmen umgesetzt. So fand erst kürzlich eine viel beachtete Initiative zum Hitzeschutz statt. Für dieses Jahr sind noch Kampagnen zum sicheren Umgang mit Tieren und zur Waldarbeit geplant. Darüber hinaus engagiert sich die Stabsstelle seit Jahren intensiv in der Aus- und Weiterbildung. Diese bewährten Aktivitäten werden künftig im Kompetenzzentrum gebündelt, weiterentwickelt und noch stärker auf die Bedürfnisse der bäuerlichen Betriebe ausgerichtet.